Karolina Winter

Wir erinnern an Karolina Winter

Geboren:           17.5.1868 in Kempen
Gestorben:        18.7.1940 in Kempen
Opfergruppe:     Jude
Verlegeort:        Umstraße 10
Verlegedatum:   22.6.2020
Patenschaft:      Annelene Schmitz

Wir gedenken der jüdischen Kleinhändlerin Karolina, genannt Linchen Winter, wohnhaft in Kempen, Umstraße 12, deren Geschäft in der Pogromnacht verwüstet wurde.

An der Umstraße 12, wo sich heute die Einfahrt auf den Parkplatz befindet, lag der winzige Laden der jüdischen Kleinhändlerin Karolina Winter. „Linchen“ Winter war nach der Erinnerung von Zeitzeugen eine „Seele von Mensch“, die mit den Kindern, die bei ihr einkauften, eine unglaubliche Geduld hatte. Bei ihr war es üblich, dass ihre Kunden bei ihr anschreiben ließen.

Als am Vormittag des 10. November 1938, der Pogromnacht, überall in Kempen die jüdischen Wohnungen und Läden verwüstet werden, zerbricht der SA-Sturmführer Ernst Sipmann, Abteilungsleiter im Kempener Arbeitsamt, mit dem silbernen Gebetsstab der jüdischen Gemeinde, den er aus der gebrandschatzten Synagoge geraubt hat, die Schaufensterscheiben des Lädchens. Dann demoliert er die Inneneinrichtung der 70 Jahre alten Frau.

Damals gibt es in den kleinen Geschäften viele Waren noch lose, also unverpackt zu kaufen. Sie wurden meist in Schubladen gelagert. Die Nazis reißen alle Schubladen aus Linchen Winters Schränken. Ihren Inhalt schütten sie auf dem Boden des Geschäftchens auf einen Haufen aus.

Der Kempener Helmut Ringforth, damals ein zehnjähriger Schuljunge, hat sich später erinnert, wie es im Laden aussah, als die Nazis ihn verlassen hatten: „Linchen Winter stand, an die Wand gedrückt, wie gelähmt da, und die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie betrachtete ihre Waren, die verstreut auf dem Boden lagen, und sagte immer wieder nur: ‚Ick hebb doch ni-emes jet jedo-en – ick hebb doch ni-emes jet jedo-en.’ “ („Ich hab doch niemand was getan!“)

Am Abend zieht wie jedes Jahr am 10. November der St. Martinszug durch die Straßen. Vor Linchen Winters verwüstetem Laden sehen die singenden Kinder die auf die Straße geworfenen Einrichtungsgegenstände und Lebensmittel liegen: Mehl, Zucker, Einmachgläser.

Die Kinder recken die Hälse; aber vor der niedergebrannten Synagoge stehen noch Kempener Feuerwehrleute, die Brandwache halten. Sie drängen sie: „Singen! Weiter gehen!“

„Wir zogen singend daran vorbei“, hat sich der Zeitzeuge Erich Wüllems erinnert. „Immer, wenn der St. Martins-Zug durch Kempen zieht, kommen die Bilder aus der Vergangenheit zurück.“